Er schrieb das Buch "Die Brücke": Gregor Dorfmeister

Einer der auszog, die Welt daheim zu entdecken

Was hat ihn nur in Bad Tölz gehalten? Ihm wären einst die Türen zur Welt des Films und des großen Journalismus offen gestanden. Gregor Dorfmeister (Foto: Werner Beier), Autor des Romans "Die Brücke", hat es vorgezogen, in Bad Tölz zu bleiben und fast 30 Jahre lang eine Lokalredaktion des Münchner Merkurs zu leiten. Einer der auszog, die Welt daheim zu entdecken. Am 7. März 2009 wurde er 80 Jahre alt.
Rückblende: 1958 gewinnt der 30-Jährige mit seinem autobiografischen Buch "Die Brücke" einen Wettbewerb des Desch-Verlags. Der Antikriegsroman trifft Nerv und Lebensgefühl der Nachkriegsgeneration und wird schlagartig zum Bestseller. Es wird in 19 Sprachen übersetzt. Lew Kopelew bespricht es in einer Moskauer Zeitung und sorgt für den schnellen Ausverkauf der russischen Ausgabe.

DorfmeisterNoch wichtiger ist die Entdeckung des Stoffs fürs Kino. Bernhard Wicki (im Foto links bei der Uraufführung des Films in Mannheim mit dem Buchautor) übersetzt das auf mehreren Erzählebenen spielende Buch 1959 kongenial in einen Film. Ein Welterfolg, der bis heute nachwirkt. Auch auf die Akteure. Volker Lechtenbrink, der als 14-Jähriger bei Wickis Film mitwirkt und seine Karriere begründet, lässt bald ein halbes Jahrhundert später ein - bemerkenswertes - Hörbuch folgen. Für ihn schloss sich damit der Kreis wieder. Die Nachverfilmung der "Brücke" von Pro Sieben von 2008 kann indes dem Original nicht das Wasser reichen.

Ein Nachtarock zum Wicki-Film: Gregor Dorfmeister hat, was wenig bekannt ist, auch am Drehbuch kräftig mitgeschrieben und war zum Teil auch bei den Dreharbeiten in Cham dabei, wo die Film-Brücke. Und  noch eine bemerkenswerte Ergänzung: Neben Lechtenbrink, Fritz Wepper, Günter Pfitzmann und Cordula Trantow wirkte in einer Nebenrolle auch Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, mit.
Zurück nach Bad Tölz, wo Dorfmeister aufgewachsen ist und wo er auch bleiben sollte, allen Verlockungen zum Trotz. Etwa denen des schnellen Geldes.  Dr. Hermann Schwerin, der Produktionschef der Ufa und Ehemann der Schauspielerin Grethe Weiser, bot dem Tölzer Redakteur (im Foto als j20-jähriger Volontär), der damals rund 1000 Mark im Monat verdiente, ein geradezu märchenhaftes Jahresgehalt von 48000 Mark - als Drehbuchschreiber in Berlin. Dorfmeister lehnte das genauso ab wie Offerten der Illustrierten Stern und Quick. "Wer einmal im Lokalen Blut geleckt hat, der bleibt auch da", ließ er den Autor dieser Zeilen einst wissen. Die Welt kommt auch in einer oberbayerischen Kleinstadt zu einem. "Man muss es nur dawarten können".

DorfmeisterDorfmeister hat im Isarwinkel hochspannende Kriminalfälle  und Gerichtsgeschichten erlebt, er hat Politik beschrieben und - mal ironisch, mal mit Sinn fürs Grobe kommentiert. Er transportierte das unbeschreibliche Eishockey-Feeling aus einer mit 8000 fanatischen Zuschauern gefüllten Tölzer  Eishockey-Arena per Schreibmaschine für Münchner Merkur und die großen Agenturen hinaus in die Welt. Das funktionierte auch schon ohne Internet und die vielen technischen Erleichterungen, können musste man's halt. Apropos Können: Noch heute schmunzelt man in Merkur-Kreisen über den Nachruf, den Dorfmeister einst einem verstorbenen Kaminkehrermeister nachschickte: "Er kehrt nie wieder", titelte er. Wie wahr.
Sein langjähriger Chefredakteur in München, Dr. Hans Geißler, wusste denn auch genau, was er an ihm hatte und beschrieb seinen Mann in Tölz so: Dorfmeister wäre nie in eine Großstadt zu verpflanzen, weil er viel zu sehr das liebt, was wir schlechthin das Land lieben und was Unverständige in abschätzigem Ton als Provinz bezeichnen, weil sie gar nicht erfühlen können, was alles hinter diesem Begriff steht.

DorfmeisterDas alles hätte Dorfmeister nie eintauschen wollen. Zumal es da noch eine Leidenschaft fürs Fliegenfischen gab und die dazu nötige Isar, sowie eine fürs Skifahren und das vor der Nase stehende Brauneck. Von letzterem pflegte der Kurier-Chef zuweilen auch mal in der Mittagspause hinunterzuwedeln. Zum Durchschnaufen.
Bad Tölz, das hieß, geerdet zu bleiben, das Heft des Handelns in der Hand behalten und sich persönliche Freiräume zu schaffen. Etwa für die im Isarwinkel fest verwurzelte Familie. Oder für neue Bücher. Dorfmeister hat unter dem Pseudonym Manfred Gregor in den 1960er-Jahren noch zwei weitere Bücher geschrieben. "Das Urteil", das mit Kirk Douglas und Christine Kaufmann verfilmt wurde, und "Die Straße".
Im gesellschaftlichen Leben des Isarwinkels hat er - der Neigung folgend - Verantwortung übernommen.
Als langjähriger Vorsitzender der Lebenshilfe-Kreisvereinigung und Vorstandsmitglied des Tölzer Knabenchors.

Vor fünf Jahrzehnten stand er am Scheideweg zwischen der großen Welt und Bad Tölz. Er wählte den Isarwinkel. "Ich habe es nie bereut."
(Veröffentlichung im Münchner Merkur) 

"Ich habe", sagte Gregor Dorfmeister einst, "das Buch 'Die Brücke' in 14 Nächten herausgekotzt". Es sei "der Roman einer missbrauchten Jugend", die in den letzten Kriegstagen  in einem sinnlosen Opfergang verheizt wurde. Das Buch wurde unter dem Pseudonym Manfred Gregor veröffentlicht und 1959 von Bernhard Wicki verfilmt. Allein 1960 erhielt die Produktion fünf Auszeichnungen beim Deutschen Filmpreis. International wurde er mit Golden Globe für den besten ausländischen Film gewürdigt. Außerdem war "Die Brücke" für den Oscar nominiert.

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