Isarwinkler Weihnachtsbrauchtum: Das Paradeis als Lebensbaum

Weihnachten mit geschmücktem Christbaum und Geschenken ist für viele heute der Inbegriff der traditionellen Heiligabend-Feier. Dabei stimmt das gar nicht. Im Isarwinkel zum Beispiel herrschten früher ganz andere, längst vergessene Bräuche. Jakob Metz, einst Tölzer-Kurier-Redakteur, bekannter Schriftsteller und Heimathistoriker, hat in den 1920er-Jahren das hiesige Weihnachtsbrauchtum erforscht und dabei mit alten Bürgern aus Stadt und Land gesprochen. Danach hat der Christbaum erst um 1870 herum in Isarwinkel und Loisachtal Einzug gehalten. In Gaißach soll erst um die Jahrhundertwende der Lehrer Floder den ersten Baum in der Schule aufgestellt haben. Der Christbaum hatte aber einen Vorgänger, nämlich das so genannte Paradeis (Darstellung siehe unten). Über einem Teller gabelt sich eine dreistämmige Pyramide, deren Stäbe durch Äpfel miteinander verbunden sind. Buxbaumästchen, vergoldete Nüsse und Kerzen schmückten die Pyramide, in deren Mitte ein Lebkuchen-Nikolaus stand. Dieses Paradeis oder der "Klausen-Baum" hat nach Auffassung von Jakob Metz seinen Ursprung im germanischen Fruchtbarkeitskult. Das Paradeis war demnach eine christlich veredelte Variante des fruchtbringenden Lebensbaumes.

Isarwinkler Weihnachtsbrauchtum: Das Paradeis als Lebensbaum Deutlich älter als der Christbaum ist im Isarwinkel das Krippen-Brauchtum. Metz erwähnt einen alten Tölzer, der berichtet, dass um 1850 noch in fast allen Bürgerfamilien des Marktes Hauskrippen vorhanden waren. Auch in der Zeit von Heiligabend bis Dreikönig existierte früher eine Reihe von immer wiederkehrenden Ritualen. In der Nacht von 24. auf 25. Dezember gab es zum Beispiel das Christkindlanschießen, das die Burschen und Jungbauern besorgten. Immer wieder kehrende polizeiliche Verbote sorgten aber dafür, dass dieser Brauch, so Metz, "nicht allzu sehr ins Kraut schoss".

Am Buchberg bei Tölz legte der Bauer in der hl. Nacht einst den Esstisch an eine Holzkette vom Wagen, mit dem man Holz fährt. In den Ofen wurde der so genannte "Metten-Block" geschoben und wurden Holzscheite in der Zahl der Hausbewohner aufgestellt. Wessen Holz bis zur Heimkehr von der Mette umfiel, der musste im kommenden Jahr sterben.

In Gaißach wurde um die Christmettenzeit ein Korb Heu ins Freie gestellt und nachher ans Vieh verfüttert, damit dieses im Jahr darauf nicht krank wird. Hühner sollten besser legen, wenn sie geweihte Weizenkörner erhielten. Interessant: Es war der Glaube weit verbreitet, dass das Vieh in der heiligen Nacht "Gesichte hat" und reden kann. Da es Unglück brachte, das Gesprochene zu hören, war es laut Metz in Bichl sogar üblich, dass die weiblichen Dienstboten in der Mettennacht und die drei Nächte darauf in der Wohnstube schliefen.

In Jachenau ging die Sage, dass Kugeln, die während der Christmette gegossen waren, jedes Stück Wild auch ohne Zielen trafen. In Tölz schließlich gingen früher die Kinder armer Leute in der Metten-Nacht bei der reichen Brauern in den "Schepsbettel" (Scheps = Dünnbier), während die Ministranten zu den Metzgern in den "Wurstbettel" kamen. (Veröffentlichung im Tölzer Kurier)

Schon in den 1920er-Jahren betrachtete man die zunehmende Kommerzialisierung rund um Weihnachten bereits mit großer Sorge, wie folgende Anmerkung von Jakob Metz beweist: "Aber was sonst übrig bleibt an Brauch und Übung der modernen Weihnacht wird von der materiell-spekulativen Seite unserer zeit bestimmt und kultiviert. Mit altem Herkommen hat das Gehabe neuzeitlicher Geschenkweihnachten vielfach nichts zu tun und über den alljährlich anwachsenden Wust einer alle Schlichtheit verlierenden, technisierten und anreizenden Geschenk -und Spielzeugindustrie möchte es einem bange werden um die Geradlinigkeit des Kindergemüts."

Zurück