Qiu Fazu, ein chinesischer Arzt, in Bad Tölz

"Neu geborene Kälber fürchten keine Wölfe" - Das Wirken von Qiu Fazu in Bad Tölz

Qiu FazuIn der chinesischen Acht-Millionen-Stadt Wuhan haben alle großen Zeitungen seinen Tod auf den Titelblättern vermerkt. Der renommierte Arzt Qiu Fazu ist im Alter von 94 gestorben. In Bad Tölz rettete er einst eine Gruppe KZ-Häftlinge vor dem sicheren Tod.
Am 30. April und 1. Mai 1945 erreichten tausende KZ-Häftlinge des so genannten Todesmarsch von Königsdorf her kommend die Kreisstadt Bad Tölz (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Der 31-jährige Qiu Fazu war damals Arzt in einem Tölzer Lazarett, nämlich dem Jodquellenhof (Bild unten).  Er wurde "Tschu" genannt, erinnerte sich die 85-jährige Ursula Hueber aus Wackersberg, die noch gut Patienten von ihm gekannt hat. Als Humboldt-Stipendiat hatte er zuvor in München Medizin studiert; Folge übrigens des frühen Tods seiner Mutter, die an einer Blinddarmentzündung starb, weil ihr im damaligen China keiner helfen konnte.  

In jenen Tagen des Todesmarsches wurde Qiu Fazu, der sich gerade auf eine Operation vorbereitete, von einer Schwester nach draußen gerufen. Wie er später berichtet hat, standen etwa 40 Häftlinge mit ihren SS-Bewachern an der Straße, "krank und schwach, sie konnten nicht mehr weitergehen und kauerten am Boden". Er habe all seinen Mut zusammen genommen und den Aufsehern kurzerhand befohlen: "Diese Gefangenen haben Typhus. Wir müssen sie mitnehmen."
Qiu FazuWar es der weiße Arztkittel oder das perfekte Deutsch, jedenfalls durfte Qiu Fazu die Jammergestalten tatsächlich unter seine Fittiche nehmen und sie im Lazarettkeller gesund pflegen. Unter Mithilfe und -wissen der deutschen Kollegen übrigens, wie überliefert ist. Qiu Fazu hat später seine Courage bildhaft so beschrieben: "Neu geborene Kälber fürchten keine Wölfe." Bundespräsident Richard von Weizsäcker überreichte ihm als erstem Bürger Asiens dafür 1985 das Bundesverdienstkreuz.
Unter den deutschen Helferinnen war übrigens auch eine Münchner Schwesterschülerin namens Loni, die er noch 1945 heiratete und mit der später nach Shanghai und schließlich nach Wuhan zog. Sie ließ sich für ihren Mann 1958 sogar einbürgern. "Ich sage zu ihr ,Mama', und sie sagt ,kleiner, alter Mann' zu mir", beschrieb Qiu Fazu im hohen Alter die innige Beziehung zu seiner Frau.

Der "chinesische Schindler", wie ihn manche nannten, hat auch in seinem gelernten Beruf Spuren hinterlassen. Er gilt als Begründer der Transplantationsmedizin in China, hat wichtige Standardwerke geschrieben und den Hochschulaustausch zwischen Deutschland und China vorangetrieben. Er operierte bis ins hohe Alter und war vergangene Woche noch am Bett von Erdbebenopfern in Wuhan zu sehen. Am 14. Juni 2008 ist er gestorben. Er wurde in Wuhan beigesetzt.

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