Schiffbruch vor Borneo: Robinson Crusoe aus Wegscheid

Erinnerungen an 1983

Über 200 Menschen sind bei einem Fährunglück auf der Fahrt von Sulawesi nach Borneo Mitte Januar 2009 ertrunken. Schreckliche Erinnerungen weckten die Berichte bei Helmut Antretter (Foto unten: Diana Meßmer). Der Wegscheider war 1983 in umgekehrter Richtung unterwegs gewesen und mit einer Holzbarkasse und 400 Passagieren untergegangen.

Zwei Monate in Asien unterwegs

„Ich war zwei Monate in Indonesien und Malaysia unterwegs“, erzählt der heute 49-Jährige von seiner damaligen Auszeit in den Semesterferien. Der Mount Kinabalu mit 4101 Metern war bestiegen worden und die Kopfjäger auf Borneo keine Unbekannten, als er Jochen, einen gleichaltrigen Jurastudenten aus Marburg kennenlernte, der dasselbe Ziel, den Hafen Nunukan, ansteuerte.

„Wir waren abenteuerlustige Studenten. Ein Boot war spannender und außerdem billiger als ein Flugzeug“, erzählt der Lehrer der Jahnschule. Die Abfahrt mit der „Holzgurke“ verzögerte sich aber Stunde um Stunde. Mit einer Verspätung von 22 Stunden legten sie dann ab. „Der Grund lag offensichtlich darin, dass das Boot nur für 130 Passagiere zugelassen war, und sich Reederei und Polizei nicht über das nötige Schmiergeld einig werden konnten“, schreibt Jochen später in einem Artikel für die Zeitschrift „Abenteuer & Reisen“ (5/84).

200 Leute mussten zunächst von Bord, kamen dann außer Sichtweite wieder mit kleinen Booten angetuckert. „Wir blieben an Deck, denn unten waren die Zustände wüst“, so Antretter. In brütender Hitze lagen die Menschen zusammengepfercht und es stank erbärmlich. Nach 24 Stunden Fahrt durch ein Unwetter und Ernährung nur mit trockenem Reis und Fisch, spuckte der Schornstein plötzlich Öl auf den Rucksack von Jochen und die Leute fingen zu schreien an. Hektisch wurden Planen heruntergerissen und Koffer über Bord geschmissen.

Die meisten waren Nichtschwimmer

Passagiere bahnten sich einen Weg ans Deck, wollten sich in Panik aus dem Schiffsinneren befreien! „Es wurde uns ziemlich drastisch vor Augen geführt, dass wir am Sinken sind, auch wenn man das irgendwie nicht glauben will“, erinnert sich der Wegscheider. „Delfine sind friedlich neben uns geschwommen.“ Weder Funk noch Schwimmwesten gab es auf dem Schiff, einzig eine Insel in Sichtweite wirkte auf die Deutschen mit Schwimmkenntnissen beruhigend. Etwa 800 Meter vor der Insel schaffte es die Fähre auf ein Korallenriff aufzulaufen. „Mit meiner Luftmatratze rettete ich zwei Frauen, denn die meisten waren Nichtschwimmer“, berichtet der Familienvater. „Von vielen bluteten wegen der Korallen die Füße. Als ich zurück zum Boot paddelte, kam die Flut.“ Die wenigen vorhandenen Rettungsschwimmkörper trieben ab.

„Die grausame Geschichte beginnt jetzt erst“, meint Antretter. Ein gnadenloses Unwetter versetzte die noch nicht Geretteten in der Nacht in Angst und Schrecken. Was tun, wenn das Boot in den Wellen auseinander bricht? Mit dem „Kufsteinlied“ und „Oh when the saints go marching in“ umgedichtet in „and when the boat begins to sink“ sangen die zwei Europäer gegen die Angst an. Nur ein kleiner Teil in der Schiffsmitte brach wegen der Brandung herunter, bei der nächsten Ebbe konnten sich alle retten.

Fünf Tage Robinson Crusoe

nauf der Doch das Abenteuer war noch nicht vorbei. Fünf Tage harrten die Schiffbrüchigen auf der winzigen unbewohnten Insel zwischen Traumstränden und Regenwald aus. Es war Regenzeit, täglich wurden sie nass, aber wenigstens konnte das Wasser zum Trinken gesammelt werden. Eines Nachts warf jemand Sand nach Helmut. In bestem Bayerisch schimpfte er. Eine Schildkröte vergrub keine zwei Meter neben ihm ihre Eier.
Ein Flugzeug entdeckte die 400 Menschen und Militärboote beendeten die Robinsonade. „Meterhoch schlugen während der etwa 40- stündigen Weiterfahrt bei einem Gewitter die Wellen über diese Schiffe. Mit der Barkasse hätten wir so einen Seegang niemals überlebt“, gruselt es Antretter noch heute.

Als sie in Pare-Pare auf Sulawesi eine Woche zu spät ankommen, interessiert dies keinen. Keine Verantwortlichen, keine Rettungswägen. Später lesen die Freunde in einem Reiseführer, dass in der Makassarstraße jährlich um die zehn Boote untergehen. „Allah hat es eben so gewollt. Ein Menschenleben zählt nicht allzu viel in dieser Gegend“, schreibt Jochen Barnack später in seiner Reportage.
Text: Diana Meßmer
Fotos: Helmut Antretter

(Veröffentlichung im Tölzer Kurier)

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