"Sie lebten mitten unter uns" - Aktion Ge(h)denksteine

Menschen und Ihre Schicksale

"Schön. Das ist sehr schön.“ Leise, aber mit deutlicher Stimme quittierte Marie-Luise Schultze-Jahn (Jg. 1918, im Bild unten links im Gespräch mit Grünen-Stadtrat Franz Mayer) am Nachmittag des 26. Juli 2005 den soeben gefassten Beschluss des Tölzer Stadtrats: In der Marktstraße sollen vor dem Heimat- und Bürgerhaus Ge(h)denksteine für die im Dritten Reich ermordeten Mitbürger in den Boden eingelassen werden.

Marie-Luise Schulze-JahnMarie-Luise Schulze-Jahn hatte zusammen mit ihrem später hingerichteten Freund Hans Leipelt die Arbeit der Münchner Widerstandsbewegung Weiße Rose weitergeführt. Es war ihr deshalb ein besonderes persönliches Anliegen, im Jahr 2003 zusammen mit dem Tölzer Stadtrat Franz Mayer einen Arbeitskreis ins Leben zu rufen, der die - vielfach völlig unbekannten - Lebensschicksale der Opfer des Nazi-Terrors, ob Juden, politisch und religiös Verfolgte oder Homosexuelle, in ihrer Heimatstadt Bad Tölz klären sollte. Im Arbeitskreis engagierten sich Tölzer Bürger sowie, besonders erfreulich, Schüler der örtlichen Fach- und Berufsoberschule sowie des Gymnasiums. Sie machten sich im Fach Geschichte auf Spurensuche, die zwar auch einmal ergebnislos verlief, aber nie vergebens war, weil: Der Weg ist das Ziel.Erstaunlich oft ergaben die Recherchen aber greifbare Ergebnisse. Hinter dürren, oft genug nur einzeiligen Namensvermerken in verstaubten Akten wurden nach zähen Recherchen im In- und Ausland Menschen und ihre Schicksale sichtbar.

In solchen Momenten wurde den Suchenden und Forschenden das Motto besonders bewusst, das auch auf jedem der Ge(h)denksteine steht: SIE LEBTEN mitten UNTER UNS

Für wen werden die Ge(h)denksteine gelegt?

Besonders intensiv wurde vor allem in der Besatzungszeit nach dem Krieg dem Schicksal der jüdischen Bürger Aufmerksamkeit geschenkt. So finden sich über die etwa 23 Tölzer Juden (die genaue Zahl steht nicht fest) in den städtischen und staatlichen Archiven zahlreiche statistische Erhebungen über Geburts-, Todes-, Zu- und Wegzugsdaten. Es war für den Arbeitskreis deshalb naheliegend, hier zunächst den Hebel anzusetzen und erste Nachforschungen anzustellen. Die Ergebnisse: Zahlreiche Schicksale Tölzer Juden konnten geklärt werden. So etwa das der Familie Hellmann, die das größte und beste Hotel am Ort, das Parkhotel (heute steht dort das BRK-Seniorenheim) betrieb und 1936 aus Tölz vertrieben wurde und auswandern musste. Oder das des Lebensmittelladen-Besitzers Alexander Kohn vom Fritzplatz, der vor den Nazis ebenfalls ins Ausland flüchtete und 1991 in Atlanta starb.Ermutigende Zeichen setzten Tölzer Bürger 1943, als sie unverhohlen für Klara Streber Partei ergriffen. Die jüdische Frau des geachteten Tölzer Arztes Dr. Ignaz Streber wurde nach dessen Tode umgehend ins KZ Theresienstadt gebracht. Hatten die Proteste der Tölzer Erfolg? Jedenfalls kam Klara Streber unter ungeklärten Umständen wieder frei. Für – bisher - sechs jüdische Mitbürger steht der gewaltsame Tod am Ende der Recherchen fest.

Die Sandbanks

Samuel SandbankSarah SandbankDas furchtbarste Schicksal aller Tölzer Juden hatte ohne Zweifel die Familie Sandbank zu ertragen. Die Familie war 1898 nach Tölz gekommen und betrieb im ehemaligen Richter-Haus (heute Sparkasse) in der Marktstraße eine Schneiderei und ein Bekleidungsgeschäft. Mehrere Einbürgerungsanträge wurden auch schon in der Vor-Hitler-Ära (1929) aus rassischen Gründen abgelehnt, „...um eine allmähliche Durchdringung der deutschen Kultur mit wesensfremden Elementen zu verhüten.“ Da half auch nichts, dass sich zum Beispiel Moritz, einer der Söhne, schon 1914 mit 15 Jahren als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte und von der Ostfront schwer verletzt zurückkehrt war. Sein Bruder Oskar erhielt hohe Kriegsauszeichnungen.Die ganze Familie sollte als Folge der Rassengesetzgebung ausgewiesen werden. In einer berührenden Petition (Original siehe unten) bat das 80-jährige Familienoberhaupt Samuel Sandbank (im Bild oben) im Juni 1939 das Tölzer Bezirksamt für den epilepsiekranken Sohn Salomon (geb. 1888) und seine schwerherzleidende Gattin Sarah (geb. 1864, im Bild oben) darum, „den Rest unserer Tage noch in Deutschland verbringen zu können“.

Sandbank-Brief

Die Drei wurden in das Altenheim der israelitischen Kultusgemeinde in der Münchner Kaulbachstraße gebracht. Aus Furcht vor der drohenden Deportation suchte Salomon dort 1940 den Freitod. Seine Eltern wurden im Juni 1942 ins KZ Theresienstadt gebracht, wo sie im Februar und März 1944 umkamen.

Moritz SandbankEs ist nicht sicher, ob sie erfahren haben, dass ihre beiden gesunden Söhne Oskar (geb. 1885) und Moritz (1894) bereits 1940 und 1941 in den KZ’s Sachsenhausen und Dachau umgebracht worden waren.Zu diesen fünf Lebensschicksalen müssen drei weitere wenigstens erwähnt werden: Die Münchner Frau von Moritz Sandbank, Luise, ging Ende 1941 freiwillig in den Tod. Ihre beiden Kinder Berta und Martin wurden in ein jüdisches Kinderheim deportiert und kamen nach dem Weitertransport in das Transit-Ghetto Izbica/ Polen vermutlich in  den Vernichtungslagern Sobibor oder Belzec ums Leben. Sie wurden nach dem Krieg für tot erklärt.

Dorothea Schneidhuber

Ein sechstes Tölzer Opfer der Naziherrschaft war die jüdische Journalistin Dorothea Sara Graziella Schneidhuber. Sie taucht in den vorhandenen Tölzer Akten nicht auf, obwohl sie viele Jahre als Gesellschafterin der jüdischen Landgerichtsrats-Witwe Anna Meyer-Liepmann in Bad Tölz (Villa Mignon) lebte. Ab März 1940 gingen beide auf mehrere Reisen quer durch Deutschland, absolvierten diverse Umzüge, um Spuren zu verwischen. Dorothea Schneidhuber, die sich als Arierin ausgab, wurde im Februar 1941 in Frankfurt von der Gestapo verhaftet und deportiert. Sie kam im Mai 1942 im KZ Ravensbrück um. Ihre Hausherrin Anna Meyer-Liepmann blieb aus ungeklärter Ursache in Freiheit und starb im Oktober 1941 im jüdischen Krankenhaus in Frankfurt.

Die Suche geht weiter

Wer sich für die Schicksale der Opfer der Naziherrschaft näher interessiert, kann sich im Tölzer Stadtarchiv (Öffnungszeiten: Mittwoch, 13 bis 16 Uhr, Donnerstag, 8 bis 12 und 14 bis 17 Uhr sowie Freitag von 8 bis 12 Uhr) informieren. Dort hat der Arbeitskreis die Ergebnisse seiner Recherchen hinterlegt. Die Suche ist übrigens noch nicht abgeschlossen. An den Schulen werden bereits die nächsten Lebensschicksale erforscht. Wer im Arbeitskreis „Ge(h)denksteine“ mitmachen will, kann sich im Stadtarchiv bei Manuela Strunz, stadtarchiv@bad-toelz.de, Telefon 08041-740583).

Die Ge(h)denksteine

Die Ge(h)denksteine haben die Größe von 18 x 24 Zentimetern. Es handelt sich um Vollstein Bronze, innen hohl. Der Entwurf stammt von der Künstlerin Birgit Niedernhuber aus Reichersbeuern. Auf den Steinen steht jeweils folgender Text: SIE LEBTEN mitten UNTER UNS sowie: Name, Geburtsdatum, Todestag und –ort
Text: cs-press&print

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